Maos Rache ist ein Kollektiv für Experiment und Gegenkultur, ein »Klub für musikalische Grenzüberschreitungen« und vieles mehr. Seit 1992 ist Maos Rache u.a. in Nürnberg und Berlin aktiv.

Selbstdarstellung

»1992 gegründet als Klubveranstaltung, die experimentelle Musik zum Tanzen anbot, entwickelte sich Maos Rache im Laufe der Jahre zu einer Institution der Nürnberger Undergroundszene, die weit mehr war als eine Extremdisco. Musik mischte sich mit verschiedenen Kunstformen, es gab Konzerte und Happenings, klandestine Sommersausen und Winterkeller. Maos Rache steht für den wilden Mix unterschiedlichster Musikstile mit Exzessgarantie. Dazu witzige Flyer, kunstvolle Raumgestaltungen, schräge Mottos, ekstatisch Feiernde. Eine Party für Minderheiten, jede Ausgabe ein Unikat.

Maos Rache ist ein Klub für musikalische Grenzüberschreitungen. Sie versucht, etwas nach vorne zu bringen, auf die Spitze zu treiben, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dabei gelten bestimmte Grundsätze: Anti-Mainstream, extreme Stilmischungen, radikale Rhythmenwechsel, Störung der Erwartungshaltungen, Lust an Neuem.

Die Homebase war 25 Jahre lang das Stadtteilzentrum DESI in Nürnberg. Vor wenigen Jahren wurde Maos Rache zu Grabe getragen. Beerbt wurde sie vom radikalen DJ-Team Maos Rache Soundsystem.

Maos Rache Soundsystem

Das Duo qnep und Selector Heyner ist seit 40 Jahren durch eine seelenklangliche Verwandtschaft verbunden und begeistert sich für abseitige, ungenormte und herausfordernde Sounds. Maos Rache Soundsystem sucht den Exzess zwischen Minimal Noise und Industrial Drones, Bassgewittern und queerem Rap, hynotischem Freejazz und outernational Dub. Ein unvorhersehbarer Trip in kaum erforschte Territorien, in die Zukunft der Klubmusik.

Mach Mal Langsam

Radiosendung – jeden 3. und 5. Mittwoch, 20-21 Uhr, beim freien Radio Z in Nürnberg.

Magazin gegen das Über. Klang- und Textreisen in herausfordernde, bewusstseinserweiternde, bedrohliche, futuristische, polyrhythmische, queere, experimentelle und hypnotische Niemandsländer.

Mach mal langsam hat eine längere Vorgeschichte:

Im Januar 2006 hatte das Team der Veranstaltungsreihe Dub Universe aus Nürnbergs Stadtteilzentrum DESI damit begonnen, eine monatliche Radiosendung unter dem Namen Radio Dub Universe zu starten. Dub als prägender Stil der Sendung wurde dabei großzügig ausgelegt. Nach einiger Zeit blieb aus dem fünfköpfigen Anfangsteam derjenige mit dem größten Durchhaltevermögen und höchsten Sendungsbewusstsein übrig: Selector Heyner.

Ab September 2011 nannte er seine Sendung Radio Mao und begründete den Schritt auch damit, dass nach fünfeinhalb Jahren die Geschichten von Radio Dub Universe auserzählt waren. In einer Stellungnahme heißt es: “Der 2010 verstorbene Musikjournalist Martin Büsser schrieb: ‘Es fällt schwer, innerhalb der Linken ästhetische Ansätze zu vermitteln, die vom Experiment leben, was im Falle der Musik heißt: die Dissonanzen besitzen.’ Radio Mao versucht’s trotzdem, gemäß den Vorgaben ‘Erziehung des Volkes’ des Großen Vorsitzenden Mao. Radio Mao beschäftigt sich mit außergewöhnlicher Musik aus aller Welt, ohne Genregrenzen. Leitender Politkommissar ist Selector Heyner.”

Im Mai 2017 kam es dann zu Mach mal langsam: “Radio Mao ist also Geschichte. Nach sechs Jahren wurde es Zeit für einen Rahmenwechsel. Die Bilder bleiben die gleichen. Und nachdem wir uns schon in den letzten beiden Sendungen dem Thema Mach mal langsam gewidmet haben – um dabei festzustellen, dass es ein zu uns passendes Lebensmotto ist – war dieser Schritt nur konsequent. Bei unserem neuen Untertitel gilt freie Bilderwahl: Magazin gegen das Über.” In der Folge bildete sich schrittweise wieder ein Team, wie zu den Anfangszeiten von Radio Dub Universe.

Salon der unerfüllten Wünsche

Seit 2015 existiert diese Veranstaltungsreihe in Nürnberg . Zweimal im Jahr gibt es eine Staffel mit ca. sechs Veranstaltungen. Ziel der (offenen) Organisationsgruppe ist es, Veranstaltungen gegen die geltenden Unterhaltungsnormen anzubieten. Die Formen sind frei, Experimente erwünscht, Sub- und Gegenkulturen die Spielwiesen. Es gibt keine dauerhafte Location, der Salon ist nomadisch unterwegs und probiert die Orte aus, die ihm angeboten werden. Er verlangt keine Eintrittspreise, wünscht sich aber Spenden in den Hut, er lässt sich nicht von Stiftungen oder Sponsor*innen unterstützen und ist damit völlig unabhängig. Die Termine tauchen in keinen Veranstaltungskalendern auf und werden nicht über sog. Social Media-Kanäle verbreitet. Stattdessen werden Interessierte per Mailliste informiert, in der Regel auch über good old flyers. Und natürlich auf dieser website.

Email: contact [at] maosrache.org«

von der Website maosrache.org

INTERVIEW: Hartl/Maos Rache (RYC, 10/2019)

aufgenommen am 14.10.2019 in Berlin-Neukölln.

Die Anmerkungen beziehen sich auf Veränderungen und Entwicklungen gegenüber dem Stand des Interviews (14.10.2019). Die Anmerkungen sind Stand Februar 2026.

: Maos Rache bezeichnet sich als „Klub für musikalische Grenzüberschreitungen“ und verschreibt sich der „Gegenkultur“. Was verstehst Du darunter?

Zur 40-Jahre-Feier der Desi, dem Kulturzentrum in Nürnberg, war ich als Vertreter von Maos Rache zu einem Podium eingeladen mit der Frage, welche Rolle Subkultur heute überhaupt noch spielt. Nürnberg bewirbt sich gerade für die Europäische Kulturhauptstadt 2025 und es ging darum, was die Subkultur dazu beitragen kann bzw. wie sie zu dieser Bewerbung steht. Auf diesem Podium habe ich die absolute Außenseiter-Position vertreten, weil ich gesagt habe, dass ich mich nicht als Vertreter der Subkultur sehe, wenn überhaupt ist das, was meine Arbeit ausmacht, Gegenkultur. Zwischen diesen beiden Begriffen will ich unterscheiden. Mit den Projekten, die wir als Maos Rache gemacht haben, geht es uns darum Sand im Getriebe zu sein, etwas gegen die Verhältnisse zu setzen, nicht zu schauen, wo wir die Gelder herbekommen. Kunst, die sich verkauft oder sich professionalisiert, ist keine Gegenkultur. In dem Moment, wo ich darüber nachdenke, Geld von Institutionen einzuholen, fange ich schon an mich zu verkaufen. Da habe ich eine ganz klare Gegenposition. Wir wollen nicht Teil dieser Gesellschaft sein, wir müssen außerhalb stehen. Ich bin selbst kein Künstler, eher Vermittler, und sehe das, was ich tue als antikapitalistische, anarchistische Arbeit gegen die Verfasstheit der Gesellschaft an. Mit dieser Haltung kann ich nicht damit anfangen, Kunst verkaufen zu wollen. Ich war deswegen als Einziger absolut dagegen, dass wir uns überhaupt Gedanken darüber machen, Gelder von der Stadt für diese Bewerbung abzuschöpfen, damit etwas für uns und unsere Projekte übrig bleibt. Diese Haltung hat sich in meinem eigenen Werdegang entwickelt.

Ich habe nicht mit Anfang 20 den Plan gefasst, mich in diese Richtung zu entwickeln. Es fing damit an, dass ich mich für linksradikale Politik interessiert habe, aber immer eine Affinität zur Kunst hatte. Ich war zwar in einer kommunistischen Organisation, aber das hat mich nicht glücklich gemacht, weil ich die Verbindung zu kreativer Arbeit vermisst habe. Etwa 1992 ist deswegen Maos Rache entstanden. Die Idee war, einen Clubabend zu veranstalten, auf dem wir nur schräge, nicht mainstream-konforme Musik auflegen wollten. Mein Ansatz war immer, Gleichgesinnte dazu zu holen und kollektiv zu arbeiten. Als sich uns andere Künstlerinnen angeschlossen haben und wir nicht mehr nur Musik gemacht haben, haben wir zusammen überlegt, wie wir unsere Ideen auch visuell umsetzen können. Je mehr Leute dazukamen, desto spannender wurde es. Es darf keiner dastehen und sagen, das ist meine Idee und so soll sie verwirklicht werden, sondern wenn jemand eine Idee hat, findet sieer andere, die sich ihr anschließen und es kommen weitere dazu, die wieder ihre Ideen mit einwerfen. Es gab nie ein Konzept, sondern eine jahrelange Entwicklung.

Es muss sperrige, herausfordernde Kunst sein, das ist das erste Kriterium. Es darf nichts sein, was die Leute schon kennen, es muss sie immer vor den Kopf stoßen. Es muss immer etwas Neues sein und wenn das Neue schon wieder im Mainstream angekommen ist, ist es Zeit damit aufzuhören. Bzw. ist Mainstream schon zu hoch gegriffen, sobald z.B. andere Künstlerinnen oder Clubs anfangen das gleiche zu tun, geht es darum, sofort wieder etwas Neues zu machen. Ich will eine Vorreiterrolle spielen. Ich habe mich immer im Experimental-Bereich umgeschaut, habe Veranstaltungen mitorganisiert, die Künstlerinnen konnten bei uns übernachten, bin mit ihnen ins Gespräch gekommen, sie haben uns wieder von neuen Sachen erzählt. Der Austausch war mir sehr wichtig. Wichtig dabei ist, dass sie nie in irgendeiner Weise kommerziell sein darf. Ich hatte nie ein Interesse Geld damit zu verdienen oder Künstlerinnen zu veranstalten, die für mich nicht nachvollziehbare Gagen wollten.

: Warum der Name „Maos Rache“?

Maos Rache war eine Eingebung, die ich irgendwann nachts hatte. Der Name hat mit meiner politischen Sozialisation zu tun. Mao spielt in der radikalen Linken eine besondere Rolle, er ist sehr umstritten. Anfang der 1990er war die postmoderne Idee sehr verbreitet, mit Sachen zu spielen, die nicht eindeutig sind. Jede Person kann etwas anderes hinein interpretieren. Mao ist eine linke Ikone, etwas was ich total ablehne. Kulturell war er eindeutig ein Reaktionär. Dieser Person wollten wir unterstellen, die experimentellsten Sounds zu präsentieren. Ein kompletter Widerspruch. Die Maoisten konnten nichts damit anfangen und haben uns angefeindet, und die, die Mao als Massenmörder gehasst haben, haben uns seiner Verherrlichung bezichtigt. Es war ein witziger Effekt, dass sich fast alle Linken echauffiert haben und die, die nichts mit der linken Szene zu tun hatten, kamen immer wieder mit der Frage, warum wir Mao benutzen. Das haben wir bis heute nicht aufgelöst, es bleibt offen. So haben wir mit den Flyern und Plakaten gespielt, dass wir Zitate von Mao behauptet haben, dass er z.B. den DJs bestimmte Aufträge gegeben hat, wie sie auflegen sollen. Wir haben immer wieder seine Texte verändert und benutzt. Der Name ist für mich durch diese Nicht-Eindeutigkeit bis heute frisch geblieben. Noch heute macht es Spaß mit ihm zu arbeiten.

: Warum ist Nicht-Eindeutigkeit für euch wichtig?

Mit dem Namen und dem, was wir machen, sind wir nicht eindeutig lesbar. Allerdings hat sich Maos Rache immer klar positioniert, was unsere Grundlagen betrifft. Selbstverständlich sind wir antirassistisch, antisexistisch usw. Nichteindeutigkeit finde ich spannend, weil sie produktiv ist. Weil wir das eindimensionale Denken nicht gut finden, dass Menschen wissen, was richtig und was falsch ist. Sie müssen selbst auf ihre Ideen kommen, aber wir können einen Input geben, der eben die Uneindeutigkeit und Vielschichtigkeit vorlebt. Das Parolenhafte, wie sich die meisten politischen Bewegungen ausdrücken, stört mich sehr. Wenn z.B. alle in der Masse das Gleiche rufen. Ich gehe deswegen so gut wie nie auf eine Demonstration und finde wichtig etwas dagegenzusetzen. Wenn ich früher auf Demos gegangen bin, dann meistens mit einem ironischen Zitat. In der Kunst sehe ich das genauso, eindeutige Propaganda finde ich zum Kotzen. Deswegen passt Mao als unser ironisches Maskottchen so gut, seine Sprüche waren auch sehr einfach und eindimensional. Davon müssen wir wegkommen.

: …und warum Spaß?

Ein wichtiger Aspekt von Maos Rache ist der Hedonismus. Wir wollen Spaß haben bei den Sachen, die wir tun. Es gab den legendären Langen Marsch von Mao, deswegen haben wir diesen Marsch nachgespielt und sind mit unserer Musik, einem Traktor und einem Soundsystem, 30-40 Leuten und roten Fahnen durch die fränkischen Dörfer gezogen. Die meisten, die uns begegneten, waren vor allem irritiert, aber wir hatten unseren Spaß. Dann haben wir einen „Maoria“-Umzug durch Nürnberg gemacht, mit einem nachgebauten Maomobil. Mao wurde zum Zwitter mit der „Heiligen Maria“, wir hatten eine Puppe dabei, die halb Mao, halb Maria war. Dazu gab es auch eine schwarze Messe. Die Fragen der Zuschauenden lassen wir im Raum stehen, wir erklären niemandem etwas. Das ist etwas, was für mich politische Kunst ausmacht, Nicht-Eindeutigkeit und vor den Kopf stoßen und dadurch zum Nachdenken anregen.

: Wie wichtig ist euch Musik?

Anfangs ging es viel um Musik, später immer mehr um Visuelles, auch um Performance. Es gibt inzwischen immer ein Motto, zu dem gearbeitet wird. Wir spielen dann mit Codes aus dem politischen Kontext, wie das Zentralkomitee, das es natürlich nicht gibt. Das ZK verkündet manchmal die zukünftige Richtung von Maos Rache und darauf folgt in der Regel ein Gegen-Statement. Ein kollektiver Prozess. Inzwischen ist für jede Veranstaltung eine andere Person verantwortlich. Am Ende jeder Veranstaltung wird die Mao-Mütze weitergegeben und wer sie hat, macht die nächste. Dadurch ist es nochmal offener in der Dynamik geworden. Als sich einmal die Verantwortlichen nicht gerührt haben, gab es eine Intervention vom ZK, die den Tod von Maos Rache verkündet hat. Daraufhin wurde die Beerdigung von Mao organisiert, bei der 50 Mao-Mützen an der Decke hingen und jeder durfte sich eine herunterreißen. D.h. inzwischen dürfen diese 50 Leute in Nürnberg Maos Rache-Veranstaltungen durchführen. Bis jetzt funktioniert das ganz gut.

(Anmerkung: Maos Rache ist inzwischen endgültig Geschichte. Auch die Aktion mit den Maomützen hat daran nichts ändern können. Mao war ein guter Schriftsteller, aber ein miserabler Politiker. Sein Glaube an die Revolutionskraft des Volkes erwies sich als einer seiner vielen großen Irrtümer. Als Erbe von Maos Rache macht das Maos Rache Soundsystem weiter. Das sind qnep und Selector Heiner, die sich immer mal wieder Gäste dazu holen.)

: Als Kollektiv, das sich bewusst dem Underground verschreibt, welche Impulse sind von Maos Rache ausgegangen?

Ein Seitenprojekt von Maos Rache ist der „Salon der unerfüllten Wünsche“. Da gab es eine sehr öffentlichkeitswirksame Aktion unter dem Titel „Noris ohne Mauer“. Wir haben gefordert, dass die Stadtmauer von Nürnberg abgerissen werden muss, um endlich freies Denken in die Stadt zu lassen. Mit der Idee, dass die Mauer daran schuld ist, dass in Nürnberg noch so ein provinzielles Denken herrscht, sind wir auf eine Gruppe von Leuten aus Linz gestoßen. Die wiederum haben um einen Aufmarsch der rechtsradikalen Identitären zu verhindern, die „Regionären“ gegründet und gefordert eine Mauer um Linz zu bauen, damit die Menschen vom Umland nicht in die Stadt können. Wir haben den Regionären vorgeschlagen, dass sie die Mauer aus Nürnberg abholen können, die wir in Nürnberg abreißen wollen. Sie kamen tatsächlich. Wir hatten großes Glück mit der Pressearbeit, eine Regionalzeitung mit recht hoher Auflage hat über uns berichtet. Sie mussten die Kommentarspalten auf ihrer Website sperren, weil es so viele Hass-Botschaften von Rechtsradikalen gegen uns gab. Anscheinend hat unsere Spaß-Aktion in ihren Kreisen große Wellen geschlagen. Sie haben uns als „linke Taliban“ bezeichnet – es war ein voller Erfolg.

Sonst ist Maos Rache eine Insider-Geschichte. Wir haben kein Interesse an öffentlichkeitswirksamen Aktionen. Für uns ist es wichtig Underground zu sein. Statt bekannter zu werden ist es uns wichtiger, uns zu vernetzen, immer auch im Bewusstsein, dass wir damit nicht die Welt verändern können. Wenn man mit Kunst und Kultur politisch eingreifen kann, dann nur in vielen kleinen Zellen – wie z.B. Maos Rache eine ist –, die sich als Gegenkultur verstehen und konsequent nichtkommerziell arbeiten.

: Hast du selber darüber nachgedacht von Kunst zu leben?

Nein, ich mache eine Radio-Sendung, ich organisiere Konzerte, lege auf, aber ich will nie Geld dafür. Auch wenn ich viel Zeit und Arbeit opfere, viel unterwegs bin und mir Equipment selber kaufen muss, würde ich niemals eine Gage fordern. Weil es mir Spaß macht und es ein Widerspruch zu meiner Einstellung wäre. Allerdings will ich niemanden verurteilen, dieder von ihrerseiner Kunst leben will. Ich habe kein Problem damit, wenn andere Gagen oder Fahrtgeld bekommen. Schwierig wird es, wenn man an seinem öffentlichen Profil arbeitet, versucht sich attraktiv darzustellen, um Akzeptanz zu finden. Gegenkultur ist mit kommerziellem Interesse nicht vereinbar. Sie ist radikal und lässt sich nicht verkaufen.

: Steht eure Arbeit im Widerspruch zur Zusammenarbeit mit schon bekannten Künstlerinnen und Acts?

The Bug/Kevin Martin haben wir schon mehrfach veranstaltet, wir haben uns sehr gut verstanden. Spät am Ende einer Maos Rache-Veranstaltung hat er mir gesagt, dass er alles, was ich aufgelegt habe, auch in seinem Plattenkoffer hat. Das war für mich eine Ehre! Ich mag seine Sachen sehr. Inzwischen ist er aber sehr bekannt und hat Verträge mit Sponsoren wie Red Bull Academy, deswegen würden wir ihn nicht mehr einladen. Bekannt zu sein, ist zwar für Maos Rache kein Ausschluss-Kriterium, aber zumindest ein negatives Kriterium, weil Künstler in der Regel in der ganzen kommerziellen Mühle mitmachen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Wir hatten schon öfters anfangs unbekannte Künstler spielen lassen, die wir ein paar Jahre darauf nicht mehr hätten zahlen können und wollen.

: Seit einiger Zeit gibt es in Nürnberg den „Salon der unerfüllten Wünsche“…

Der Salon der unerfüllten Wünsche ist ein Format, das im Schatten von Maos Rache entstanden ist, zu dem wir Leute einladen zu einem ausgewählten Thema Vorträge zu halten. Auch hier bleiben wir uneindeutig, manchmal ist es Satire, manchmal Ernst. Z.B. hatten wir die MRX-Maschine von Luise Meier, die die Inhalte von Marx zu dessen zweihundertstem Geburtstag mit aktuellen Diskussionen verbindet. Vor kurzem hatten wir Alexander Pehlemann da, der über Punk im Warschauer Pakt referiert hat. Tina von Haut hat als angebliche Wissenschaftlerin die Tiere auf unserer Haut präsentiert. Die Czentrifuga war in Nürnberg. Auch Klangkunst oder queere Musik aus Südafrika waren Themen. Aber wir würden keine Veranstaltung zu tagespolitischen Themen machen.

: Welchen anderen Gruppen steht ihr nahe?

Die Kollektive in Liverpool, zu denen wir zusammen mit der Czentrifuga für ein Festival eingeladen waren, natürlich das Pappsatt-Kollektiv, die Leute in Leipzig, die das Zonic machen, ein Magazin aus der DDR, das seit 25 Jahren die Underground-Szenen in Osteuropa beleuchtet… Das Hinterland in München, ein Magazin des Bayerischen Flüchtlingsrats, mit deren Kunst-Verantwortlichen stehen wir in Verbindung… Dieses Netzwerk ist uns sehr wichtig.

(Anmerkung: Dazu sind mittlerweile auch enge Kontakte nach Bern und vor allem Wien entstanden. Die Verbindungen nach Berlin haben sich weiter intensiviert.)

: Nach welchen Kriterien sucht Maos Rache Orte für Veranstaltungen und Aktionen?

Wir sind vor allem in Mittelfranken aktiv und laden hierher ein. Was wir machen, funktioniert teilweise nur hier. Wir haben keinen Internetauftritt, es geht uns darum, direkt in Kontakt miteinander zu stehen, live dabei zu sein, es mitzuerleben. Wir wollen unsere Aktionen nicht medial präsentieren (Anmerkung: Seit 2023 existiert eine Website: www.maosrache.org). Wir arbeiten da wo wir leben, wer dabei ist, ist dabei. Bisher gab es noch keine Form der Dokumentation. Wenn Punk im Museum ist, ist Punk tot. Als Maos Rache ist es nicht unser Ziel ausgestellt zu werden, obwohl sehr tolle Arbeiten entstanden sind, bei denen es vielleicht schade ist. Wer weiß… Ob wir diesen Schritt noch gehen, müssen wir zusammen diskutieren (Anmerkung: 2023 fand eine Maos Rache-Ausstellung in Leipzig im Salon Similde statt. Siehe https://maosrache.org/2023/04/11/ich-wuerde-ja-gerne-tanzen-aber-2/).

Wir sind Exoten und Außenseiter in Nürnberg. Der Vorteil an Nürnberg ist die Größe der Stadt. Wäre sie kleiner, gäbe es nicht so viele Kreative, wenn sie größer wäre, würden sie sich verlaufen und vielleicht nicht miteinander in Kontakt stehen. In Berlin könnte ich mir Maos Rache nicht vorstellen, in einer Kleinstadt auch nicht. Bestimmt fordert die Lage im konservativen Bayern einen heraus, sich gegen die Gesellschaft zu stellen, und Nürnberg ist zumindest etwas liberaler als der Rest Bayerns.