Für die siebte Ausgabe des PLACES-Kalenders haben sich Tine Fetz und Daniel Schneider mit den Machern des Buches BITTE LEBN zusammengetan. Gemeinsam haben sie zwölf Orte ausgewählt, die nicht alleine für Berliner Sub- und Clubkultur stehen, sondern auch Symbole für den Kampf um eine lebenswerte Stadt für alle waren (und z.T. auch immer noch sind) – Freiräume, die durch Kunst und Protest entstanden sind.
Mit dabei sind diesmal der Club Mensch Meier, das Hausprojekt Liebigstr.34, die illegale Galerie in der Klappe am Mehringdamm, die City of Names vor dem Künstlerhaus Bethanien, ein Wohnhaus am Kottbusser Tor, das Hausprojekt Køpi, die Siebdruckwerkstatt Fleischerei, die stillgelegten Silos am Kraftwerk Klingenberg, das Dragoner Areal, die Autobahnbaustelle A100, die frühere Sarotti-Schokoladenfabrik und das Geisterhaus am Hermannplatz.
Zeichnungen: Tine Fetz.
Kalender
Format: DIN A3
Auflage: 300 ex.
– Sold out –
Kontakt: ed.bew@nilreb-secalp
BESCHREIBUNGEN ZU DEN ORTEN
(Texte: Daniel Schneider)
Mensch Meier (Storkower Straße 121, Berlin-Prenzlauer Berg)
Leute aus dem Umfeld des Kollektivs Die Räuber eröffnen 2015 den Club Mensch Meier in einem Gewerbegebiet an der Storkower Straße. Er ist nicht-kommerziell ausgerichtet und bietet Raum für kulturelle und politische Veranstaltungen. Das Kollektiv entscheidet 2023 den Club zu schließen, u.a. da er aufgrund der immer weiter steigenden Preise der kommerzieller ausgerichtet werden müsste, was die Betreiber*innen ablehnen.
Køpi (Köpenicker Straße 137, Berlin-Mitte)
Eigentlich soll das Wohngebäude abgerissen werden, wird aber Anfang 1990 besetzt. Seit 1991 gibt es Verträge mit wechselnden Eigentümern. Neben Wohnungen für rund 50 Menschen befindet sich hier ein Kulturzentrum, u.a. mit Konzerträumen und einer Siebdruckwerkstatt. Vor dem Hintergrund der drohenden Räumung des angrenzenden Wagenplatzes entsteht im April 2021 ein Wandbild. Im Oktober 2021 wird der Wagenplatz von der Polizei geräumt.
Haus am Hermannplatz (Hasenheide 119, Berlin-Neukölln)
Das Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Wohn- und Geschäftshaus verfällt ab den 2000er Jahren zunehmend und steht irgendwann vollständig leer. Crews wie 1UP und ÜF bemalen das Gebäude im Laufe der Jahre immer wieder, z.B. 2015 auf dem Balkon in der obersten Etage. Das Gebäude wird ab 2018 saniert und die Graffitis verschwinden, in der näheren Umgebung sind aber weiterhin viele prominent platzierte Schriftzüge zu sehen.
Liebig 34 (Liebigstraße 34, Berlin-Friedrichshain)
Das Wohnhaus wird wie viele andere Häuser in Friedrichshain 1990 besetzt und später legalisiert. Es entsteht ein “anarcha-queer-feministisches” Hausprojekt. Im Erdgeschoss befinden sich die Kneipe XBLiebig und der Infoladen Daneben. 2010 wird die Fassade von Künstler*innen aus dem Reclaim-Your-City-Netzwerk bemalt. Den Bewohner*innen wird 2018 gekündigt, die sich aber weigern auszuziehen. Das Haus wird 2020 von der Polizei geräumt.
Schokoladenfabrik (Teilestraße 13-16, Berlin-Tempelhof)
Am Teltowkanal wird 1911 die Sarotti-Fabrik erbaut. Sie gilt um 1920 als größte Schokoladenfabrik der Welt. Nachdem sie 2003 geschlossen wird, entstehen u.a. Proberäume für darstellende Künste, Ateliers und Ausstellungsräume. Am angrenzenden Kanal gibt es seit Anfang der 2000er viele kleine künstlerische Interventionen z.B. von der Gruppe Freunde der Tulpe im Dreieck. Bis 2021 befindet sich in der Nähe das Künstlerhaus Greenhouse.
Klappe Mehringdamm (Yorckstraße 0, Berlin-Kreuzberg)
Die öffentliche Toilette auf der Mittelinsel ist in den 1980er Jahren eine sogenannte Schwulenklappe. Anfang der 1990er Jahre wird sie geschlossen. In den verlassenen Räumen findet im Herbst 2011 eine illegale Urban-Art-Ausstellung des Reclaim-Your-City-Netzwerks statt. Rund zwei Wochen bleibt die Galerie und Partylocation geöffnet, dann wird sie von der Polizei geräumt. Seit 2017 befindet sich hier der winzige Technoclub Zur Klappe.
Dragoner Areal (Mehringdamm/Obentrautstraße, Berlin-Kreuzberg)
Das ehemalige Kasernenareal aus dem 19. Jahrhundert liegt versteckt hinter dem Finanzamt Kreuzberg. Neben Gewerbe ist hier seit 2011 auch der Club Gretchen angesiedelt. Das Gelände soll an einen Investor verkauft werden, dies kann aber durch das Engagement der Initiative Stadt von Unten verhindert werden. Als Teil des Protests organisiert das Reclaim-Your-City-Netzwerk 2014 die Ausstellung „Stadt/Kunst/Aneignung“ auf dem Gelände.
Wohn- und Geschäftshaus (Reichenberger Str. 18/Kottbusser Str. 25, Berlin-Kreuzberg)
Das Gebäude wird 1979-1983 als Teil eines Ensembles an Neubauten rund um das Kottbusser Tor erbaut. Der Platz entwickelt sich zu einem sozialen Brennpunkt, aber auch Clubs siedeln sich hier an. Geprägt ist er von einer Vielzahl an Graffitis, z.B. von den Berlin Kidz. Auch die Pixadores vom Coletivo ArdePixo aus Sao Paolo hinterlassen hier bei einem Berlin-Besuch 2018 Zeichen an den Balkonen.
Autobahnbaustelle A100 (Berlin-Neukölln und -Alt-Treptow)
Trotz aller Proteste ist seit 2013 die Verlängerung der Stadtautobahn A100 in Bau. Viele Häuser und Schrebergärten werden für eine rund vier Kilometer lange Baustelle abgerissen. Als während der Corona-Pandemie die Arbeiten stillstehen, entsteht hier eine gigantische illegale Freiluftgalerie mit Graffitis. Im März 2021 findet eine Kunstaktion auf der Baustelle statt, bei der verkleidete Leute als Parade über die Autobahn ziehen.
City of Names (Mariannenplatz, Berlin-Kreuzberg)
Das Krankenhaus Bethanien entsteht zusammen mit dem Mariannenplatz Mitte des 19. Jahrhunderts. Nachdem es 1970 schließt wird daraus das Kunstquartier Bethanien. Hier ist 2003 die Urban-Art-Ausstellung Backjumps zu sehen, die diese Kunstform in Berlin populär macht. 2005 folgt eine zweite Backjumps-Ausstellung, zu der auch die City of Names gehört, eine kleine, von Berliner Graffitiwriter*innen gestaltete Stadt aus Holz auf dem Mariannenplatz.
Fleischerei (Torstraße 116 – 118, Berlin-Mitte)
Die Siebdruckwerkstatt eröffnet 1999 in einer ehemaligen Metzgerei nahe des Rosenthaler Platzes. Sie ist Teil des Obdachlosen-Selbsthilfeprojektes Unter Druck und entwickelt sich zu einem international bekannten Künstler*innen-Treffpunkt. 2008 wird das Gebäude saniert und die Werkstatt muss schließen. Aus der Fleischerei geht u.a. die Siebdruckwerkstatt Czentrifuga hervor, gelegen neben dem Technoclub ://about blank am Bahnhof Südkreuz.
Kraftwerk Klingenberg (Köpenicker Chaussee 42–45, Berlin-Rummelsburg)
1927 eröffnet das Kohlekraftwerk, damals das größte Europas. Im Laufe der Jahre wird es mehrfach umgebaut und Teile der Anlage werden stillgelegt, wie z.B. einige Öltanks am Spreeufer. In den 2000er Jahren entdecken Sprayer*innen die Silos, auch illegale Partys finden hier statt. Direkt nebenan hat damals das Kollektiv Die Räuber ein Büro und nicht weit entfernt eröffnet 2009 der Technoclub Sisyphos.














